Spaziergang durch die Ortsteile
Raus aus dem Ortskern, rein in die Ortsteile: Geitau, Dorf und Osterhofen zeigen ein Bayrischzell, das die meisten Besucher nie zu sehen bekommen.
Wer Bayrischzell nur vom Ortskern kennt – Kirche, Rathaus, Hauptstraße – der hat einen großen Teil der Geschichte verpasst. Die Gemeinde besteht aus mehreren Ortsteilen, und in jedem stecken eigene Geschichten: alte Kapellen, die von den Bauern selbst gebaut und finanziert wurden. Gasthöfe, die im Krieg als Lazarett dienten. Höfe, die seit Generationen in Familienbesitz sind. Und Wegekreuze, die von den Einwohnern liebevoll gepflegt werden.
Dieser Spaziergang führt euch durch Geitau, Dorf und Osterhofen – drei Ortsteile, sechs Stationen, und ein Bild von Bayrischzell, das deutlich über die übliche Postkarten-Perspektive hinausgeht. Mein Tipp: Nehmt euch ein Rad. Zu Fuß sind die Strecken zwischen den Ortsteilen etwas weit, und mit dem Auto hat man das Problem, dass die Parkmöglichkeiten nicht bei jeder Station direkt nebenan sind. Wer trotzdem zu Fuß gehen will: Zwischen Osterhofen und Geitau nicht an der Bundesstraße entlang, sondern lieber hinter dem Klarerhof herum oder über Dorf auf den Wanderwegen nach Geitau – das ist abseits der Straße und deutlich schöner.
Die Kapelle Geitau – das Schmuckkästchen
Der Spaziergang beginnt im Ortsteil Geitau mit einer Kapelle, die der Bayrischzeller Chronist Michael Meindl als „die älteste und unstreitbar interessanteste Kapelle der Pfarrei" beschrieb. Seine Worte dazu: Von außen ein armseliges Holzgebäude, innen ein wahres Schmuckkästchen von Altertümern und Sehenswürdigkeiten.
Und genau so ist es. Von außen schaut die Kapelle nach nichts aus – ein kleines Holzgebäude, an dem man leicht vorbeigeht. Aber wenn man die Tür öffnet, steht man plötzlich vor einer Fülle an Ölgemälden aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die man in einer Dorfkapelle dieser Größe schlicht nicht erwartet. Für den Laien mag der Innenraum fast überladen wirken, so viele Gemälde hängen hier – aber genau das macht den Reiz aus.
Der Postgasthof „Rote Wand"
Der Gasthof wurde 1906 erbaut und wird seit Generationen als Familienbetrieb geführt – heute von der Familie Gaukler. Inzwischen hat die junge Generation übernommen, und dahinter steckt eine persönliche Entscheidung: Der Sohn musste sich zwischen einer Karriere als Ski-Sportler und dem Wirtshaus entscheiden. Er hat sich für die Gastronomie entschieden – und das merkt man.
Wir gehen dort mit der Familie immer wieder gerne essen. Die Küche ist wirklich gut, und das Haus hat trotz der Erweiterung um ein modernes Bettenhaus mit Wellnessbereich 2017 seinen Charakter behalten. Aber die Geschichte hat auch dunkle Kapitel: Von 1942 bis 1945 diente der Gasthof als Lazarett für Kriegsverletzte, und von 1947 bis 1953 war neben dem Gaststättenbetrieb eine Schule mit acht Klassen im Haus untergebracht.
Ein Detail, das leicht übersehen wird: Das alte Haus direkt gegenüber ist der ursprüngliche Postgasthof gewesen.
Der Hasenöhrlhof
Seit dem Jahr 2000 in Besitz der Familie Hasenöhrl, wurde der denkmalgeschützte ehemalige Bauernhof komplett saniert und zu neuem Leben erweckt. Heute dient er als Location für Firmenevents, private Feiern und als Sonntagswirtschaft.
Ich kenne den Hof von Hochzeiten und Veranstaltungen, die hier immer wieder stattfinden – und das Ambiente ist wirklich besonders. Die alte Bausubstanz wurde nicht nur erhalten, sondern aktiv genutzt, und das spürt man in jedem Raum. In der Sonntagswirtschaft war ich selbst noch nicht, aber wer die Gelegenheit hat, sollte sie nutzen.
Der ursprüngliche Hofname „Unteröstner" verrät die Lage: im Osten Geitaus gelegen. Das benachbarte Anwesen, der „Oberöstner", ist seit 1927 in Besitz der Familie Storr und heute eher als Storrhof bekannt. Solche alten Hofnamen erzählen oft mehr über die Ortsgeschichte als jedes Geschichtsbuch.
Die Lourdeskapelle
Weiter geht es in den Ortsteil Dorf. Die Lourdeskapelle wurde 1884 im gotischen Stil zu Ehren der Muttergottes von Lourdes erbaut – und zwar nicht von der Kirche oder der Gemeinde, sondern von vier Bauern aus Dorf, die unentgeltlich Arbeit und Material leisteten. Das sagt viel darüber, wie tief verwurzelt der Glaube in dieser Gegend war.
Den Altar bildet eine Grotte aus echten Tropfsteinen, und die Statue der Muttergottes wurde in der Maier'schen Kunstanstalt in München angefertigt. Für eine von Bauern errichtete Kapelle eine beachtliche Ausstattung. Allerdings: Die Kapelle war bei meinen Besuchen meist zugesperrt – wer sie von innen sehen will, braucht etwas Glück.
Die Kapelle von Osterhofen
Im Ortsteil Osterhofen steht eine weitere Kapelle aus dem Jahr 1798, finanziert durch gesammelte Spenden der Dorfbewohner. Auch hier zeigt sich das gleiche Muster: Die Gemeinschaft baut sich ihre Kapelle selbst. Im Gegensatz zur Lourdeskapelle ist diese hier tagsüber in der Regel zugänglich – und es lohnt sich reinzuschauen. Eine sehr schöne kleine Kapelle.
Der Chronist Michael Meindl erwähnte besonders die Stifterin Magdalena Widmesser, Wirtltochter von Osterhofen, die im Deckengemälde dargestellt ist – zusammen mit den Gönnern und Arbeitern. 1890 wurde die Kapelle renoviert und erhielt die erzbischöfliche Genehmigung zum Messelesen. Der Altar aus dem Baujahr 1798 wurde dabei ohne Veränderung neu hergerichtet – und steht bis heute so, wie er vor über 225 Jahren aufgestellt wurde.
Das Wegekreuz von Osterhofen
Den Abschluss bildet ein großes denkmalgeschütztes Kruzifix mit einer schmerzhaften Muttergottes, das vermutlich aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt. Wegekreuze wie dieses gibt es in den Alpen viele – aber dass sich eine Dorfgemeinschaft zusammentut, um eines aufwendig zu renovieren, ist nicht selbstverständlich.
Genau das haben die Einwohner von Osterhofen 2010 getan. Das Kreuz und die Figuren konnten vollständig erhalten werden und wurden von Hans Taler aus Bayrischzell neu bemalt, der Kasten wurde komplett neu aufgebaut. Ein stiller Ort am Wegesrand – und ein guter Abschluss für diesen Spaziergang durch die Ortsteile.
Die Ortsteile entdecken
Sechs Stationen, drei Ortsteile, am besten mit dem Rad. Geitau und Osterhofen gefallen mir persönlich besonders gut – aber das muss jeder selbst herausfinden. Am besten kombiniert mit dem Ortsspaziergang durch den Kern, dann habt ihr die ganze Geschichte.
